Industrie-Standort Frankfurt stärken

Masterplan Industrie: Die kommunale Industriepolitik weiterentwickeln und strategisch ausrichten

Projektsteckbrief

Projekttitel: „Masterplan Industrie für die Stadt Frankfurt am Main“

Themenknoten: Wirtschaft und Konsum

Projektziele: Entwicklung einer langfristigen Strategie mit industriepolitischen Zielen sowie Leitlinien und Maßnahmen zur Stärkung der Frankfurter Industrie. Festigung des Frankfurter Images als Industriestandort. Verbesserung der Akzeptanz und Wertschätzung der Industrie durch Politik und Gesellschaft. Schaffung lokaler Rahmenbedingungen, welche die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der Frankfurter Industrie fördern.

Projektbeginn: Januar 2012

Beteiligte: Beirat Industrie; Dezernat für Wirtschaft, Sport, Sicherheit und Feuerwehr der Stadt Frankfurt am Main; über 70 Experten in insgesamt acht Arbeitsgruppen; ­Wirtschaftsförderung Frankfurt GmbH

Wachsende Vernetzung von Unternehmen, Digitalisierung, globale Ausweitung von Zulieferketten und ­Absatzmärkten – Kommunen haben hier auf den ersten Blick nur einen begrenzten Handlungsspielraum. Die­ ­Entwicklung des Masterplans Industrie zeigt, dass kommunale Industriepolitik dennoch große Gestaltungsmöglichkeiten bei der Unterstützung der Industrieunternehmen vor Ort hat.

Obwohl Frankfurt oft zuerst als Finanzplatz wahrgenommen wird, blickt die Stadt auf eine lange industrielle Tradition zurück. Die Frankfurter Industrie ist ein wichtiger Arbeit­geber für die Region Rhein-Main und ein bedeutender ­Gewerbesteuerzahler. Ein Vergleich mit anderen deutschen Groß­städten zeigt zudem, dass sie hoch produktiv ist. Die Wertschöpfung pro Beschäftigtem ist in kaum einer anderen Stadt höher. Und es war nicht zuletzt die Vielfalt der Wirtschaftsstruktur mit ihrer breit aufgestellten Industrie, die Frankfurt die Finanzkrise besser als viele andere Städte bewältigen ließ.

Einen strategischen Rahmen für die ­städtische Industrie­politik entwickeln

Mit dem Masterplan Industrie will die Stadt Frankfurt am Main den Industriestandort langfristig stärken und die Innovationskraft und die Wettbewerbsfähigkeit der Frankfurter Industrie fördern. Der Masterplan knüpft an das Industriepolitische Leitbild von 1994 an und zeigt Ziele, Leitlinien und Maßnahmenvorschläge für die Industriepolitik der Stadt auf.

Der Prozess zum Masterplan Industrie wurde 2012 unter Federführung der Wirtschaftsförderung Frankfurt gestartet und durch einen Beirat Industrie begleitet. Der Beirat unter Vorsitz des Wirtschaftsdezernenten besteht aus Vertreter/innen von Frankfurter Industrieunternehmen, der IHK, der Handwerkskammer, der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände, des Deutschen Gewerkschaftsbunds und von Industriegewerkschaften, der Stadtplanung, des Regionalverbands FrankfurtRheinMain, der Goethe-Universität, der Provadis-Hochschule und der Wirtschaftsförderung Frankfurt.

Mit der Einrichtung des Beirats Industrie, der Befragung von mehr als 100 Handwerks- und Industrieunternehmen im Rahmen der Industriestudie sowie der Einrichtung von Arbeitsgruppen zu acht industriepolitischen Handlungsfeldern wurde ein breiter Kreis von Akteuren in den Prozess einbezogen.

der ­Gewerbesteuervorauszahlungen der 100 größten Unternehmen in Frankfurt leistet die Industrie.
 

Stabilität durch Vielfalt

Eine erste Bestandsaufnahme zeigte, dass sich die Zahl der Frankfurter Industrie- und Gewerbebetriebe und der Beschäftigten in den letzten Jahren stabilisiert hat. Die Industrie leistet unter den 100 größten Betrieben aktuell rund 45 Prozent der Gewerbesteuervorauszahlungen in Frankfurt.

Die Frankfurter Industrie ist gekennzeichnet durch eine große Strukturvielfalt. Über 80 Prozent der Betriebe haben weniger als 10 Beschäftigte. 10 Prozent der Betriebe wiederum beschäftigen mehr als 100 Mitarbeiter/innen. Auf diese Unternehmen entfallen drei Viertel aller Erwerbstätigen. Das breite Branchenspektrum der Frankfurter Industrie mit Schwerpunkten in der chemischen und pharmazeutischen Industrie, im Fahrzeug- und Maschinenbau, in der Elektro- und Elektronikindustrie und im Nahrungsmittelgewerbe ist ein Stabilitätsfaktor der Frankfurter Wirtschaft.

der Industriebetriebe haben weniger als zehn Beschäftigte.

der Betriebe haben mehr als 100 Beschäftigte. Auf diese Unternehmen entfallen aber drei Viertel aller Erwerbstätigen.
 

Personen sind im verabeitenden Gewerbe in Frankfurt tätig. Das sind sieben Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten.
 

Standortzufriedenheit und Handlungsbedarf empirisch ­ermittelt

Die Industriestudie machte deutlich, dass die Frankfurter Betriebe in ihrer Vielfalt sehr unterschiedliche Ansprüche an den Standort stellen. Im Rahmen der Studie hat die Goethe-Universität mehr als 100 produzierende Handwerks- und Industrieunter­nehmen zur Standortzufriedenheit befragt sowie Wertschöpfungsketten und industrielle Netzwerke untersucht. In einer Stärken-Schwächen-Analyse beurteilten die Frankfurter Industrieunternehmen den Standort Frankfurt mehr als zufriedenstellend. Positiv bewertet wurden die hervorragende Logistikinfrastruktur – u. a mit dem Hafen Frankfurt, dem Flughafen und der Autobahnanbindung „, das sehr gute Angebot an unternehmensnahen Dienstleis­tungen, die Reputation als dynamisch wachsende Wirtschaftsmetropole sowie die Weiterbildungsmöglichkeiten, das ­Angebot an Hochschulabsolventen und die Netzwerke der Unternehmen untereinander.

Handlungsbedarf sahen die Unternehmen vor allem bei der Gewerbesteuer, der Wertschätzung durch die Kommunal­politik, der Dauer von Genehmigungsverfahren, dem Angebot an Facharbeitern und dem Wohnraumangebot.

Überwiegend zufriedenstellend beurteilten die Unternehmen die qualitative Ausstattung und Verkehrsanbindung der Gewerbegebiete. Hohe Standortkosten, fehlende Verfügbarkeit von Flächen, Planungsunsicherheiten und in einigen Fällen Umfeldkonflikte stellen dagegen Investitionshemmnisse dar.

Die Studie machte außerdem deutlich, dass es neben dem Thema Industrie- und Gewerbeflächen weitere wichtige Handlungsfelder für eine städtische Industriepolitik gibt wie etwa Infrastruktur, Kommunikation, Beschäftigung, Stadtverwaltung oder Wissenschaft und Forschung.

Ziele und Maßnahmen für acht Handlungsfelder

Ausgehend von diesen Handlungsfeldern wurden acht Arbeitsgruppen gebildet. Die Themen der Arbeitsgruppen waren:

  • Räumlich-funktionales Entwicklungskonzept
  • Digitale Infrastruktur
  • Energie
  • Logistik
  • Attraktivität der Industrie: Kommunikation & ­Positionierung
  • Arbeit und Qualifizierung
  • Verwaltungsprozesse & Behördenservice
  • Innovation, Arbeitsplätze & Wertschöpfung der Zukunft


Mehr als 70 Experten erarbeiteten industriepolitische Ziele, Leitvorstellungen und konkrete Projektvorschläge. Die Arbeitsgruppen legten ihre Ergebnisse in Werkstattberichten vor.
 

pro Erwerbs­tätigen beträgt die Bruttowertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe in Frankfurt. Die Produktivität liegt ­damit weit höher als der Bundesdurchschnitt von 73.000 Euro pro Erwerbstätigen.
 

Leitlinien für die Gewerbeflächenentwicklung

Im Rahmen der Studie zum Räumlich-funktionalen Entwicklungskonzept Gewerbe (RfEK) wurden der Bedarf an Gewerbeflächen und das vorhandene Gewerbeflächenpotenzial bis 2030 untersucht. Mit einem Flächensicherungskonzept soll aufgezeigt werden, welche Flächen langfristig für gewerbliche Nutzungen gesichert werden sollten.

Aufgrund des hohen Anteils an technologie- und export­intensiven Leitbranchen sieht die Studie große Wachstums­potenziale für die Industrie. Sie prognostiziert eine Ausweitung der industriellen Produktion um rund 30 Prozent und einen Bedarf an zusätzlichen Betriebsflächen zwischen 90 ha und 140 ha von Unternehmen, die auf Gewerbeflächen angewiesen sind. Weitere 80 ha werden durch Nutzungen wie Büros oder Einzelhandel nachgefragt, die nicht zwingend auf Gewerbeflächen angewiesen sind.

Für den prognostizierten Bedarf gibt es zwar rein rechnerisch ausreichend Gewerbeflächen – hauptsächlich in den Industrieparks, aber auch auf nicht oder gering genutzten Grundstücken. Nicht jede Gewerbefläche steht jedoch kurzfristig zur Verfügung oder ist für jede Nutzung geeignet. Entscheidend wird es zum einen sein, Entwicklungshemmnisse zu beseitigen und die Flächen dem Bedarf entsprechend zur Verfügung zu stellen. Zum anderen sollte bei der Inanspruchnahme von Gewerbeflächen solchen Nutzungen Priorität eingeräumt werden, die tatsächlich auf diese Flächen angewiesen sind.

Eine weitere Aufgabe sieht das Konzept darin, Flächen für das Stadtteilgewerbe zu sichern. Gerade kleinere Handwerksbetriebe und standortgebundene Dienstleister stehen unter Verdrängungsdruck, weil andere Nutzungen wie z. B. der Wohnungsbau um die Flächen konkurrieren. Das Konzept stellt zwölf Leitlinien als Orientierungsrahmen auf und gibt Handlungsempfehlungen für die Gewerbeflächenentwicklung.

Die zwölf Leitlinien zur Gewerbe­flächenentwicklung

  • Frankfurt am Main als Industriestandort weiter entwickeln
  • Ein bedarfsgerechtes Gewerbeflächenangebot sichern
  • Potenziale der Innenentwicklung nutzen
  • Betrieben, die auf Gewerbegebiete angewiesen sind, Prioritäten einräumen
  • Potenziale der Industrieparks nutzen
  • Einschränkungen der Flächenverfügbarkeit überwinden
  • Beeinträchtigungen der Umwelt vermeiden
  • Infrastrukturelle Voraussetzungen gewährleisten
  • Stärken stärken, Qualitäten und Profile entwickeln
  • Regionale Kooperation ausbauen
  • Transparenz schaffen durch Kommunikation und Information
  • Perspektiven für das Stadtgewerbe aufzeigen

Auszubildende zählt das produzierende Gewerbe in Frankfurt (ohne Baugewerbe).
 

  

Infrastruktur, Innovationen und Beschäftigung fördern

Auch für die weiteren Handlungsfelder stellt der Masterplan Ziele, Handlungsempfehlungen und Projektvorschläge zusammen. Die fortschreitende Digitalisierung und die Verzahnung der Produktion mit Informations- und Kommunikationstechnik bringen nicht nur neue Wertschöpfungsprozesse mit sich (?Industrie 4.0?), sondern auch einen enormen Daten- und Energiebedarf. Als Standort zentraler Internetknoten hat Frankfurt eine gute Ausgangsposition, allerdings ist für eine ausreichende Versorgung mit digitaler Infrastruktur in der Fläche zu sorgen.

Zudem bietet die Branchenvielfalt große Chancen, weil Innovationen zumeist in komplexen Netzwerken entstehen. Innovationsplattformen können die Vernetzung von Unternehmen untereinander und die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft fördern.

Die Verkehrs- und Logistikinfrastruktur muss angesichts knapper Flächen effizient genutzt werden. Intelligente Lösungen der Verkehrssteuerung, Verlagerung auf die Binnenschifffahrt oder alternative Antriebe sind zu fördern, auch um Klima- und Umweltschutzziele zu erreichen.

Trotz steigender Bevölkerungszahlen wird es eine Herausforderung darstellen, genügend und ausreichend qualifizierte Fachkräfte für die Frankfurter Industriebetriebe zu finden. Es gilt, die Attraktivität der industriellen Ausbildung zu stärken sowie durch Qualifizierung oder Nachqualifizierung neue Zielgruppen zu erreichen und die vorhandenen Arbeitskräftepotenziale besser auszuschöpfen.

Ein attraktiver Standort für qualifizierte Beschäftigte und für die „Industrie 4.0“ – auch die Förderung der Reputation Frankfurts als Industriestandort spielt hier eine wichtige Rolle. Kommunikation und Imagebildung können zudem zusammen mit Bürgerbeteiligung und aktiver Moderation bei Umfeldkonflikten die Akzeptanz seitens der Stadtgesellschaft fördern.

des ­gesamten jährlichen Frankfurter ­Strom­verbrauchs entfallen auf den ­Industriepark Höchst.
 

Der Masterplan als industriepolitische Maßnahme

Dabei hat sich der Masterplan Industrie selbst als eine wirkungsvolle Maßnahme herausgestellt. Die Erarbeitung und der damit angestoßene Prozess haben den Dialog zwischen Industrie und Stadtverwaltung intensiviert. Die Diskussion um den Masterplan Industrie in der Öffentlichkeit hat stärker ins Bewusstsein gerufen, dass Frankfurt auch eine Industriestadt ist.

Der Masterplan Industrie wurde am 6. November 2015 vom Magistrat der Stadt Frankfurt am Main und am 28. Januar 2016 von der Stadtverordnetenversammlung beschlossen. Er wird mit seinen Aussagen auch beim Integrierten Stadtentwicklungskonzept (IStEk) einbezogen, das zur Zeit erstellt wird.

Strategie

Stärken und Schwächen des Standorts aus Sicht der Industrie analysieren; ­industriepolitische Ziele, Leitvorstellungen und konkrete Projektvorschläge zur Industrieförderung entwickeln; breiten Kreis von Akteuren beteiligen.

Industrieförderung

Langfristiges bedarfsorientiertes Konzept für Gewerbe­flächen entwickeln; Stadt­teilgewerbe fördern; Verkehrs-, ­Logistik- und digitale Infrastruktur ­effizient nutzen; Innovationen und qualifizierte Beschäftigung fördern.

Kommunikation

Dialog zwischen Industrie und Stadtverwaltung intensivieren; Bewusstsein in Politik und Gesellschaft dafür stärken, dass Frankfurt eine Industriestadt ist; Moderation von Umfeldkonflikten; Akzeptanz fördern.

Wirtschaftsförderung Frankfurt GmbH

Dr. Bernd Rentmeister
Telefon 069 212-40979
bernd.rentmeister(at)frankfurt-business.net